Zum zweiten Todestag Enoch zu Guttenbergs:

 

„Musizieren gegen den Untergang“ – Der Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Gutttenberg, ein biografisches Porträt

 

 „Er war ein Mensch, der viele Leben und viele Geschichten gelebt hatte“. Dies schreibt Kent Nagano in seinem Vorwort zu Georg Etscheits Biografie über den Dirigenten und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg, die zum zweiten Toddestag Guttenbergs (15. Juni 2020) im Mainzer Verlag Schott Music erschienen ist. Der Spross eines alten, fränkischen Adelshauses, Vater des früheren Bundesministers und CSU-Hoffnungsträgers Karl-Theodor zu Guttenberg, war in der Tat eine äußerst facettenreiche Persönlichkeit. Er war nicht nur ein bedeutender Musiker, sondern auch ein einflussreicher Umweltpolitiker mit Kontakten bis in die höchsten Ebenen der deutschen Politik, er war ein erfolgreicher Unternehmer, der den Familienbesitz vor dem Untergang rettete, zugleich begeisterter Jäger und ehrgeiziger Reiter, ambitionierter Fotograf, geschmackssicherer Sammler von Altertümern, brillanter Redner und Schreiber und origineller Geschichtenerzähler. Er konnte feiern und bechern bis zum Umfallen und neigte zugleich zu Schwermut  und apokalyptischen Vorstellungen, die auch in seinem musikalischen Schaffen tiefe Spuren hinterließen. Lebenslang haderte er mit den Resten seines katholischen Glaubens und rang damit vor allem den Passionen Johann Sebastian Bachs tief verstörende Sichtweisen ab.

Wie er gegen härteste familiäre Widerstände zielstrebig seine Karriere zunächst als Chorleiter, später als Orchesterdirigent verfolgte, wie er eine schlichte oberbayerische Liedertafel zu einem Chor von Weltrang formte und es mit seiner „Chorvereinigung Neubeuern“ bis in die New Yorker Carnegie Hall und den Wiener Musikverein schaffte, dürfte in der Musikgeschichte ohne Beispiel sein. Dem „Wunder von Neubeuern“  ist ein ausführliches Kapitel gewidmet, das sich streckenweise wie ein Märchen liest. Ebenso ausführlich beschrieben werden die von ihm mit geradezu aberwitziger Liebe zum Detail gestalteten Herrenchiemsee Festspiele, die als Juwel in der deutschen und europäischen Festivalszene galten. Nicht zu vergessen das Orchester mit dem merkwürdigen Namen „KlangVerwaltung“, mit dem zusammen er seine größten internationalen Erfolge feierte.

Enoch zu Guttenberg konnte nur Werke dirigieren, deren Botschaft ihm etwas bedeutete. Nur unterhalten („Schön ist scheiße!“) wollte er (fast) nie. Auch wenn er insbesondere mit der musikalischen Moderne wenig anfangen konnte, war sein Repertoire mit Schwerpunkten auf Barock (Bach, Haydn) über Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven) bis zur Spätromantik (Bruckner, Verdi) entgegen anderslautenden Urteilen nicht klein. In seinen späteren Jahren wagte er sich sogar an Schostakowitschs Holocaust-Sinfonie „Babi Yar“ und begeisterte Publikum und Presse einmal mehr mit seiner bedingungslosen Hingabe an die Kunst und das, was sie ins zu sagen hat. Es war diese Hingabe, derentwegen ihm schon früh das Markenzeichen eines „Bekenntnismusikers“ an den Frack geheftet wurde.

Aufs Innigste verknüpft mit seiner Musik war sein lebenslanges ökologisches Engagement. Guttenberg gehörte zu den Mitgründern des Bundes für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland (BUND) und zu den Inspiratoren einer grünen Partei. Immer wieder interpretierte er für ihn emblematische Werke wie Haydns Oratorien „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“, um mithilfe der Musik auf die ökologische Gefährdung unseres Planeten aufmerksam zu machen. Im Streit um die Energiewende und den Ausbau der Windkraft im Kampf gegen den Klimawandel zerstritt er sich mit seinen einstigen Bundesgenossen und ging wieder einmal seinen eigenen Weg, indem er neue Umweltorganisationen mit ins Leben rief, die sich wieder dem klassischen Natur- und Landschaftsschutz verpflichtet fühlten.

Enoch zu Guttenberg frönte einer durchaus barocken Lebensweise, auch wenn er sich seiner eigenen ökologischen und sozialen Verantwortung immer bewusst war. Natürlich spielt Guttenbergs Privatleben in der vorliegenden Biografie eine wichtige Rolle. Beginnend mit seiner verschlungenen Schullaufbahn und seiner Do-it-yourself-Dirigentenkarriere abseits jeder Norm über seine problematische Ehe mit der Tochter eines italienischen Kommunisten bis zum späten Glück mit der Sopranistin Susanne Bernhard wird versucht, dem Menschen Enoch zu Guttenberg so nahe wie möglich zu kommen, ohne indiskret zu sein. Viele Details und Anekdoten aus seinem bewegten Leben dürften der Öffentlichkeit noch nicht bekannt sein. Wie etwa die skurrile Geschichte vom „Herrn Nuttendirigent“, die beinahe zu Verwerfungen in den deutsch-polnischen Beziehungen geführt hätte.

Das Buch ist bebildert mit Fotos aus dem Guttenbergschen Privatarchiv und des Fotografen Markus C. Hurek und beinhaltet eine vollständige Diskografie. Die Biografie wurde noch von Enoch zu Guttenberg selbst beauftragt und nach seinem Tod in enger Zusammenarbeit mit der Familie zu Guttenberg, seiner Verlobten Susanne Bernhard sowie den Mitarbeiterinnen des früheren Musikbüros Guttenberg realisiert, allen voran seiner langjährigen Vertrauten Hildegard Eutermoser.

Georg Etscheit, Musizieren gegen den Untergang. Der Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg – ein biografisches Porträt, Verlag Schott Music, Mainz, 261 Seiten, zum Teil bebildert.

Hier bestellen: Preis 22,99  (Paperback), 29,99 (Hardcover)

 

 Pressestimmen

„Musik und Naturschutz lassen sich im Leben und Wirken des 2018 verstorbenen Barons nicht trennen, darauf hebt Etscheit in seinem sorgfältig recherchierten, stets Anteil nehmenden, doch nie in Beweihräucherung verfallenden Porträt mit Nachdruck ab.“

(Lotte Thaler in der FAZ vom 5.5.2020)

Georg Etscheit schildert (…) sehr detailreich, aber auch mit Kritik, Humor und Distanz das Leben Enoch zu Guttenbergs. Zugleich gibt das Porträt in unterhaltsamem Stil einen interessanten Einblick in die vergangenen sieben Jahrzehnte deutscher Kulturgeschichte. Guttenbergs charismatische und vielfältige Persönlichkeit kommt zur Geltung, seinen Kritikern, die ihn gerne auf eine Rolle als reichen Unternehmer reduzieren wollten, wird durch dieses Buch das Wasser abgegraben.

(BR-Klassik vom 13.06.2020)

Er mochte ihn. Aus jedem Satz spricht eine persönliche Zuneigung. Das ist nur allzu gut verständlich. Wer Enoch zu Guttenberg erlebt hat, als flammender Dirigent und Redner, als geistvoller Festival-Begründer und Ensemble-Leiter, konnte sich seinem unbeugsamen Idealismus und ethischen Humanismus nicht entziehen.

(Marco Frei, Münchner Abendzeitung vom 15.06.2020) 

Die Musikwelt kennt ihn seit Jahrzehnten, aber erst der sagenhafte Aufstieg und Fall seines Sohnes Karl-Theodor machten ihn bundesweit berühmt. Etscheit spart dieses Kapitel der Familiengeschichte nicht aus und auch der des Plagiats in seiner Doktorarbeit überführte ehemalige Verteidigungsminister kommt selbst zu Wort.

(Focus Ausgabe 25/2020)

Etscheit schreibt flüssig, anschaulich und lebendig und formuliert griffige Zwischentitel: „Dirndl meets Laura Ashley“ übertitelt er die Episode, als Guttenberg zusätzlich den großbürgerlichstädtischen Frankfurter Cäcilien-Verein übernimmt. (…) Das insgesamt berührende Buch endet anrührend: „Guttenberg…hatte gegen mannigfaltige Widerstände sein Ziel erreicht, ein bedeutender Dirigent zu werden… Ganz am Ende war er vielleicht sogar ein glücklicher Mensch geworden.“

(Oberbayerisches Volksblatt vom 16.06.2020)

Sehr gut, spannend (…), man liest es gerne, streckenweise fast wie einen Roman. Aber es ist eben doch alles Realität.

(Jörn Florian Fuchs, Deutschlandfunk-Musikjournal vom 22.06.2020)

Es ist die kundige Erinnerung an einen Künstler, der sich in ein fast
schizophrenes Dasein zwischen Tradition und Protest manövriert hatte. All das wird in dieser Biografie plausibel herausgearbeitet: Enoch zu
Guttenberg wirkte eben stets authentisch –auch im manchmal verzweifelten Bemühen, authentisch zu sein.

(Markus Thiel, Münchner Merkur vom 06.07.2020)

Seine feste Burg in allen Stürmen war Bach, sein Glück am Ende des Lebens eine junge Sopranistin. Immer trug er ein Gedicht von Andreas Gryphius bei sich: „Der Abend“, sanft und gläubig. Das war seine Sehnsucht. Der Autor setzt es an das Ende seines Portraits. Den Weihrauch hat er im Schrank gelassen, seine Bewunderung nicht – was man ihm nicht übel nehmen kann.

(Dietrich Mack, Offenburger Tageblatt)